Dienstag, 26. februar 2008
Letztens war ich mal wieder in meinem Stammclub. Gutgelaunt, angetrunken, voller Hoffung auf einen aufregenden Abend. Ich hatte den Club noch nicht mal durchquert, da traf ich auf Melissa, eine ehemalige Arbeitskollegin.

„Hallo Annabel!“ Wir umarmten uns.

„Hi Melissa! Wie geht’s dir?“

„Gut. Und dir?“

„Spitzenmäßig!“ Es könnte sein, dass ich das gelallt hatte.

„Weißt du jetzt, an welche Uni du dich einschreiben wirst?“

„Ja, Heidelberg! Meine erste Wahl. Ich werde Elite-Studentin.“

„Das freut mich ja für dich. Was willst du noch mal studieren?“

„Germanistik.“

„Auf Lehramt, oder?“

Und schon war meine Laune dahin. In meinen Ohren tauchte plötzlich das Zonk-Geräusch auf, dass ich so gut aus meinen Kindertagen kannte, in denen „Geh aufs Ganze“ noch ausgestrahlt wurde.


Nein, verdammt noch mal! Nicht auf Lehramt! Warum geht alle Welt davon aus, dass, wenn ich so ein Fach studiere, es dann auf Lehramt sein muss? Ist es nur ein Mangel an Wissen? Oder Besserwisserei?

Ja, ich weiß, dass Geisteswissenschaftler momentan nicht hoch im Kurs stehen und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht so gut sind.


Ich bin es wirklich leid, mir all diese Fragen immer anhören zu müssen:

Was, du willst Germanistik studieren? Willst du Lehrerin werden? Aber ich habe gehört, dass es schwierig sei, in den Journalismus reinzukommen?  Bist du denn auch gut in Deutsch? Kannst du auch wirklich die deutsche Rechtschreibung?

Fragen über Fragen von Menschen, die mich mehr oder weniger gut kennen, die keine Ahnung haben von meinem Talent und meiner Gesinnung, die mir meine Pläne ausreden wollen, was so oder so vergeblich ist.

 

Leute, ich habe keine andere Wahl! Angesichts der Tatsache, dass der Tod allgegenwärtig ist und man dankbar sein sollte für jeden Tag, den man weiterlebt und das Leben jederzeit beendet werden könnte durch Unwetter, Terroranschläge, Verkehrsunfälle oder schwere Krankheiten, habe ich keine andere Wahl als diesen Weg einzuschlagen.

Ich schreibe, seit ich 13 bin. Meine Leidenschaft gilt der Kunst, Schönheiten und Hässlichkeiten in Worte zu fassen.

Ich werde den Teufel tun und BWL oder auf Lehramt studieren, nur damit ich mich vernünftig oder realistisch schimpfen kann.

 

Das Leben könnte jeden Moment zu Ende sein, verdammt noch mal! 

Vor noch nicht mal einem Jahr, hatte mir das Schicksal dies wieder einmal bewiesen. Ich fuhr nichtsahnend auf einer Vorfahrtstraße, als ich einen Pritschenwagen von links heranfahren sah. Ich dachte, er würde mich sehen und anhalten. Falsch gedacht: Er fuhr mir in die Front meines Corsas. Ein unsäglicher Aufprall! Ich wusste nicht, wie mir geschah und dachte, ich würde nur träumen. Das nächste, was ich vernahm, war das Lied „Check The Meaning“ von Richard Ashcroft, das im Radio des kaputten Corsas weiterlief.

Ich war bei vollem Bewusstsein und hatte keine Ahnung davon, wie es um mich stand. Ich hatte Angst – Todesangst. Als sie mich auf der Trage anschnallten und mich in den Krankenwagen einschoben, nahm ich mir vor: Sollte ich jemals wieder lebend aus der Sache herauskommen, würde ich meine Leben ändern. Ich kam sozusagen mit einem blauen Auge davon.

 

Jedenfalls möchte ich nicht, dass mein letzter Gedanke wäre, es nicht versucht zu haben, aus meinem möglichen Talent  was zu machen und mein Leben stattdessen mit etwas Bodenständigem verschwendet zu haben, dass ich nie richtig gelebt habe.

 

Ich glaube an mich und was ernte ich von den Meisten meiner Mitmenschen?

Höhnisches Gelächter, vor allem von denjenigen, die sich realistisch nennen und wahlweise besagte BWL oder auf Lehramt studieren und oft nicht wissen, was sie sonst mit ihrem Leben anfangen wollen.

 

Lehramt ist das neue BWL. Was ich an sich nicht schlimm finde. Bloß kann ich mir bei den wenigstens vorstellen, dass sie ihren zukünftigen Beruf mit Leidenschaft und Verve ausüben werden. Es gibt so viele Menschen, die für dieses Amt so ungeeignet sind und über eine unberechtigte Macht über junge Menschen verfügen, schon allein mit ihrer Notengebung. Als Lehrer kann man doch so viel falsch machen. Ich kann es verstehen, denn die goldene Mitte zu finden zwischen Weichei und menschlichem Pädagogen ist schwierig.

 

Auch Melissa hielt ich diesen Vortrag. Hätte das arme Mädchen gewusst, was sie mit dieser Frage auslösen würde, hätte sie mir diese wahrscheinlich nie gestellt.

 

von Annabel Sommer
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